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Was du wissen solltest, bevor du dich selbstständig machst

Bis letztes Jahr war ich selber Freelancerin. Diese Art zu arbeiten machte über vier Jahre lang ziemlich viel Sinn für mich: Ich reise gerne, entscheide spontan, probiere verschiedene Sachen aus und finde es spannend, mich diversen Projekten zu widmen. Gleichzeitig hat man als Selbstständige*r aber nicht nur mit Freiheit, sondern auch mit ganz schön viel Verantwortung zu kämpfen. Ich musste mir am Anfang so einiges selbst beibringen: Wie stelle ich Rechnungen? Wie mache ich eine Steuererklärung? Wie steht’s mit der Krankenversicherung? Und kann ich eigentlich was für später zurücklegen?



Neben diesen praktischen Fragen, die sich früher oder später von selbst erklären, selbst wenn man die Antworten auf die harte Tour lernen muss, gibt es durchaus auch Sachen, die einem erst bewusst werden, wenn man schon mitten im Freelance-Hustle steckt. Mir wurde zum Beispiel erst relativ spät klar, dass meine Arbeit durchaus auch ordentlich was kosten darf, weil sie nämlich gut ist, und dass kein*e Kund*in mich nochmal bucht, um mir einen Gefallen zu tun, sondern um meine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Ich habe einfach beim letzten Mal ordentlich abgeliefert.



So wie mir geht es auch vielen anderen Selbstständigen. Klar, so wie es eine Vielzahl von Menschen, Karrieren und Branchen gibt, gibt es auch keine allgemein gültige Wahrheit, die dir das Leben als Freelancer auf den Punkt zusammenfasst. Trotzdem gibt es Erkenntnisse, die bei vielen selbstständig Tätigen irgendwann einsetzen, über die jedoch kaum jemand spricht. Ich habe mit vier Freelancerinnen darüber gesprochen, was sie tun, was sie gelernt haben, was ihre größte berufliche Herausforderung war und was sie gerne gewusst hätten, bevor sie sich selbstständig gemacht haben.



Sarah Blesener, 27, selbstständige Fotografin (Dokumentationen & Fotojournalismus):



Seit wann arbeitest du freiberuflich?

Seit etwa sieben Jahren.



Wie würdest du deine Arbeit beschreiben?

Mittlerweile arbeite ich hauptsächlich für die New York Times und das Wall Street Journal, für die ich Dokumentationen und News mache. Daneben verbringe ich viel Zeit damit, an persönlichen, langfristigen Projekten zu arbeiten. Diese sind unter anderem in der National Geographic und der TIME erschienen.



Thematisch beschäftige ich in meinen Fotos in erster Linie mit der Identitätsfindung Jugendlicher sowie mit Jugendbewegungen.



Was war deine größte Herausforderung?

Meine größte Herausforderung war, mich zu trauen, Freelancerin zu werden. Dafür bin ich nach New York City gezogen und habe ein stabiles Arbeitsumfeld hinter mir gelassen. Zunächst musste ich mit der Angst und zu wenig Aufträgen leben, das war sicher das Schwierigste. Allerdings muss da jede*r durch, die oder der sich selbstständig macht.



Diese Herausforderungen werden auch immer bestehen, allerdings ist das erste Jahr das schwierigste. Es gab Zeiten, in denen ich unsicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben oder ob ich das Zeug hätte, selbstständige Fotografin in New York zu sein. Diese Übergangszeit ist ohne Frage furchteinflößend.



Was war die größte Lektion, die du gelernt hast?

Dass ich strategisch denken muss, um die Waage zwischen Überleben und meinen Leidenschaften zu halten. In dieser Branche sind die Jobs, mit denen ich meine Miete zahlen kann, nicht unbedingt diejenigen, die mir am meisten am Herzen liegen.



Früher hätte ich auch zum Beispiel nie gedacht, dass es zu meinen Aufgaben als Fotojournalistin gehören würde, Projekte zu pitchen oder kommerzielle Werbejobs anzunehmen. Doch genau diese Aufträge sichern mir ein stabiles Einkommen, während die Editorials, die ich schieße, wesentlich schlechter bezahlt sind. Ich möchte trotzdem nicht darauf verzichten, weil sie dem, was ich wirklich in meiner Karriere erreichen möchte, um einiges näher kommen.



Was hättest du gerne gewusst, bevor du mit dem Freelancen angefangen hast?

Ein hilfreicher Tipp wäre gewesen, dass ich nicht all meine Bemühungen in eine einzige Kategorie legen sollte. Es ist sowohl für deine psychische Gesundheit als auch für dein Konto sinnvoll, diverse Dienstleistungen und Fähigkeiten anzubieten.



Es ist beispielsweise wahnsinnig kompliziert, in der Redaktionswelt zu arbeiten. Außerdem sind die Aufträge hier unglaublich schlecht bezahlt. Ab und an mal einen kommerziellen Job anzunehmen, finanziert mich manchmal ein ganzes Jahr und hilft mir, die weniger kommerziellen Projekte, die ich persönlich als Fotografin spannender finde, zu realisieren. Ich wünschte mir, früher in diese Karrierebereiche investiert zu haben, weil sie für meinen Erfolg unerlässlich sind, anstatt mich auf Feldern abzurackern, die eher spitz sind und mit denen ich kein Geld verdiene.

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