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Wiesbaden

Ein begehrter Job im Quartier

Neuer Kooperationspartner für das erfolgreiche Taschengeldprojekt der Nassauischen Heimstätte in Wiesbaden-Erbenheim ist der Offene Jugendtreff Maria Aufnahme e.V.

Wiesbaden - Diese Idee hat sich schon lange bewährt, nicht nur in Wiesbaden-Erbenheim. Bereits seit mehreren Jahren betreibt das Sozialmanagement der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt an mehreren Standorten sogenannte „Taschengeldprojekte“, bei denen Jugendliche aus dem Viertel dafür entlohnt werden, dass sie einmal pro Woche in den Außenanlagen zwischen den Wohnhäusern liegengebliebenen Unrat einsammeln. In Wiesbaden-Erbenheim funktioniert diese Vereinbarung bereits seit sechs Jahren ganz hervorragend. Seit Mai dieses Jahres wird sie mit einer neuen Gruppe von Jugendlichen und einem neuen pädagogischen Kooperationspartner fortgesetzt. Jetzt begleitet und betreut der Offene Jugendtreff Maria Aufnahme e.V. das Taschengeldprojekt.

Warteliste: Viele wollen mitmachen


Bevor das neue Team für das Taschengeldprojekt zum ersten Mal zum Sauber-machen im Quartier ausschwärmte, habe es drei Vorbereitungstreffen gegeben, berichtet Nora Weissmann, Leiterin des Jugendtreffs. Sie hat auch die Projektleitung übernommen, die Projektverantwortung liegt bei der Nassauischen Heimstätte. Fünf Jugendliche, drei Jungen und zwei Mädchen zwischen 14 und 15 Jahren, hatten sich zuvor bei ihr gemeldet und wurden ausgewählt. „Mittlerweile haben auch andere Interesse gezeigt, so dass wir jetzt sogar eine Warteliste von mehreren Jugendlichen haben, die auch gerne mitmachen wollen“, berichtet die Sozialarbeiterin. Für sie nicht verwunderlich: „Bezahlte Jobs für unter 16-Jährige sind rar und daher sehr begehrt“, so Weissmann. 5,50 Euro bekommen die Heranwachsenden pro Stunde. In der Regel sind sie zwei Stunden in der Woche unterwegs, das macht also mehr als 40 Euro im Monat für viele Mieterkinder im Quartier ist das eine willkommene Aufbesserung ihres Taschengeldes.
Ja, der Verdienst spiele natürlich eine große Rolle, räumt Reduan Sinouh ein. „Aber das ist es nicht allein“, betont der 19 Jahre alte Schüler. Reduan selbst hat seit 2013 an dem Projekt teilgenommen und fleißig Müll gesammelt, bis man ihn fragte, ob er „Anleiter“ für die anderen werden wolle. Er ist jetzt also mitverantwortlich dafür, dass alles reibungslos läuft und das Quartier tatsächlich gründlich gesäubert wird. „Ich arbeite an jedem Einsatztermin mit der Gruppe mit, achte darauf, dass alle pünktlich eintreffen, prüfe, ob jemand fehlt und bin als Ansprechpartner für alle Beteiligten präsent“, beschreibt er seine neue Aufgabe. „Ab und zu muss ich einmal ein ernstes Wort reden, dann klappt das auch mit den Jugendlichen“, erzählt der 19-Jährige. Als Anleiter bekommt er neun Euro pro Stunde.

Reduan wird respektiert


So bricht der Reinigungstrupp an jedem Sonntagmittag auf, ausgerüstet mit Müllbeuteln, Handschuhen und Greifzangen, um auf Spielplätzen, Wegen und den Freiflächen zwischen den Gebäuden alles, was achtlos weggeworfen wurde, wieder einzusammeln. „Manchmal sieht es hier wirklich chaotisch aus“, erzählt Reduan. Aber der Einsatz seiner Jugendlichen trage viel zur Sauberkeit im Viertel bei, ist der 19-Jährige überzeugt. Und Spaß hätten sie an dieser gemeinsamen Arbeit ebenfalls. „Noch gehen wir im Team durchs Quartier, aber in Zukunft wollen wir Zweiergruppen bilden und uns aufteilen. Das ist sicherlich effektiver.“
Lernen zu kooperieren und sich zu koordinieren - genau das sind nach Meinung von Projektleiterin Nora Weissmann die Fähigkeiten, die die Jugendlichen durch dieses Projekt erwerben können. „Wenn einer schwänzt, sind die anderen sauer, weil sie seine Arbeit mitmachen müssen, ohne dafür mehr bezahlt zu bekommen. Das finden sie dann unfair. Dieses Problem wird mit dem Anleiter besprochen, und er muss sich überlegen, wie er ein solches Verhalten sanktioniert“, schildert sie eine typische Situation. So lernen die 14- und 15-Jährigen, wie wichtig es ist, sich aufeinander verlassen zu können. Dass Reduan mehr und mehr in seine neue Rolle als Anleiter hineinwächst und zunehmend an Autorität gegenüber seinen Schützlingen gewinnt, hat sie ebenfalls beobachtet.
„Wir halten dieses Projekt zum einen für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung“, begründet Tobias Bundschuh, Leiter des zuständigen Servicecenters in Wiesbaden, das Engagement der Unternehmensgruppe. „Außerdem erhoffen wir uns davon natürlich, dass dadurch die Attraktivität und das Erscheinungsbild der Wohnanlagen gesteigert werden. Vor allem aber ist es uns wichtig, dass sich die Jugendlichen stärker mit ihrem Viertel identifizieren, indem sie selbst Verantwortung für dessen Sauberkeit übernehmen.“ Bei alldem steht ihnen das Team vom Offenen Jugendtreff in Erbenheim tatkräftig zur Seite. So betreibt der Verein nicht nur das Jugendzentrum im Gemeindezentrum in der Sigismundstraße, sondern engagiert sich zusätzlich in der Mobilen Jugendarbeit. „Von Frühjahr bis Herbst betreiben wir auf dem Bolzplatz einen Container mit Sitzgelegenheiten, Spielgeräten und einem Kioskverkauf“, erzählt Nora Weissmann. Dreimal pro Woche sind sie und ihr vierköpfiges Team auch zu Fuß im Stadtteil unterwegs. „Das bedeutet: Wir sind zuverlässig, präsent und für die Kinder und Jugendlichen immer ansprechbar“, erklärt die Sozialarbeiterin.

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